Von: Angelo Schuler
Betreff: Offener Brief zum Thema Hundeverordnungen
Datum: Montag, 24. Juli 2000 07:47
Hallo!
zum Thema Hundeverordnungen habe ich einen offenen Brief geschrieben, der an die
Innenministerien und ggf. an andere Stellen verschickt wird.
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Sehr geehrte Damen und Herren,
das Thema Hundehaltung und die besorgniserregende Reaktion des Staates auf die
Medienberichte ist der Grund meines Schreibens. Hat sich der Staatsapparat dem
Bürger seit Jahren eher als langsam und durch viele Diskussionen in den
Parlamenten und Ausschüssen nur in kleinen Schritten bewegliches Gebilde
gezeigt, ist auf einmal eine befremdliche Einigkeit durch alle Parteien zu
beobachten. Es finden kaum Diskussionen statt, die Parlamente werden kaum
befragt und Sie und Ihre Kollegen erlassen im Eiltempo Verordnungen, die
Menschen und Tiere pauschal und in einer Härte einschränken, die für das
Nachkriegsdeutschland absolut untypisch ist und eine Notstandsgesetzgebung
darstellt. Was ist nur passiert?
Es hat einige Unfälle mit Hunden gegeben und auch leider einige Gewalttaten,
bei denen Hunde als Komplizen mißbraucht wurden. Dabei gab es auch Verletzte
und tote Menschen. Obwohl jedes dieser Vorkommnisse für sich tragisch ist,
dürfen wir doch nicht die Relation zur Gesamtbevölkerung so außer Acht
lassen, wie sie es im Fall der Hunde tun. Es gibt wohl kaum etwas in der
Bevölkerung, das uns nicht auf der einen Seite wichtig, lieb und teuer ist, auf
der anderen Seite aber durch verantwortungslose oder kriminelle Mitmenschen
mißbraucht wird oder anderweitig eine Gefahr darstellt. Mit diesem Restrisiko
leben wir Tag für Tag und sehen das auch als normal an:
Wir benutzen Werkzeug, das wir dringend brauchen, an dem wir uns aber auch
verletzten können oder das in krimineller Hand schnell zum Einbruchswerkzeug
oder zur Waffe wird. Waffenschein für einen Hammer, ein Messer, eine Säge?
Wir fahren Auto, sind auf den Verkehr angewiesen und sehen ihn positiv, auch
wenn fast jedes Wochenende auf unseren Straßen Leute sterben und Räuber
meist mit dem Wagen davonbrausen. Tempo 30 für das ganze Land und Fahrverbot an
Wochenenden?
Die Kosmetik für die Unfallstatistik wäre blendend und mancher Mensch wäre
noch am Leben, doch wären nicht Millionen in großen Schwierigkeiten? Beispiele
dieser Art gibt es noch jede Menge und aus allen Lebensbereichen, bis hin zu
unseren besten Gefühlen: Liebe und Vertrauen. Auch sie werden von schlechten
Zeitgenossen mißbraucht, vom mit falschen Versprechungen erschwindelten
Abenteuer bis zum Millionenbetrug. Wollen wir deswegen die Gefühle verbieten?
Ich gehe davon aus, daß Sie die vorige Frage mit »nein« beantwortet haben.
Ich hoffe es zumindest ernstlich. Wenn Sie sich also trotz Restrisiko für die
Gefühle aussprechen, dann sagen Sie auch »ja« zur Freundschaft. Werfen wir
gemeinsam einen Blick auf eine jahrtausende alte Freundschaft: die
Freundschaft zwischen Mensch und Hund. Seit wir den Wolf gezähmt und aus ihm
mit unendlich viel Zuwendung, Geduld und Überlegung die zahlreichen Hunderassen
gezüchtet haben, hat uns der Hund unendliche Dienste erwiesen. Nicht nur als
Rettungs- Schutz-, Hüte,- Service- und Blindenführhund, sondern genauso als
Familienmitglied, oft mit den Eigenschaften eines Therapeuten, hat der Hund
Generationen von Menschen geholfen, sie gerettet, ihnen beigestanden und ihnen
Freundschaft, Liebe, Trost und Lebenskraft gespendet.
Einige böse Menschen haben diese Gefühle mißbraucht, sich mit der Schärfe
ihrer Hunde gebrüstet, um sie besser zu verkaufen, andere Hunde mußten
gegeneinander kämpfen, damit ihre Halter etwas zu wetten hatten und manche
Kriminelle schützten sich gegen ihre Kollegen mit einem Hund, dem sie etwas
falsches beigebracht haben. Das sind aber negative Individuen, einzelne Menschen
und einzelne Hunde. Von ihnen auf andere zu schließen, ist ein
verhängnisvoller Fehler.
Eine gesonderte Gruppe von schlechten Menschen ist die der Geschichtenerzähler,
für die jeder Unfall und jedes Verbrechen eine Geldquelle darstellt: die
Sensationsjournalisten. Anders als ihre meist vernünftigen Kollegen in der
Fachpresse bauschen sie das Schlechte auf, stellen eine katastrophale
Begebenheit in den Vordergrund und geben sich mit den Ursachen nur sehr
oberflächlich ab. Journalisten tragen keinen Waffenschein, obwohl ihr
Werkzeug, die Massenmedien, sogar zur Kriegswaffe werden kann. Gerade teilt die
Waffe Zeitung die Menschen in zwei Lager, Hundefreunde und Hundefeinde. Wie in
jedem Kampf gehen auf beiden Seiten die einen in Deckung und ängstigen sich,
während die tapferen und mutigen nach vorne an die Front gehen, um ihre Gruppe
zu verteidigen und den Gegner zu bekämpfen. Sie werden denken, das klingt schon
fast nach Bürgerkrieg. Ist das zu weit hergeholt? Wenn man die Vorkommnisse
beobachtet, sicher nicht. Hundehalter werden angepöbelt und mit körperlicher
oder gar Waffengewalt bedroht. Überreaktionen der Hundehalter kommen ebenso
bereits vor. Die Zeitungen wiederum berichten von steigenden
Auseinandersetzungen mit und um Hunde und so eskaliert der Streit Tag um Tag und
es heißt dann »wir haben es ja gesagt, daß Hunde gefährlich sind«.
In dieser Situation sind die neu geschaffenen Hundeverordnungen nichts anderes
als das oben angeführte Beispiel von Tempo 30 und Sonntagsfahrverbot. Die
Verordnungen sind mit heißer Nadel gestrickt und der Blick auf weitreichende
Konsequenzen abseits der Unfallstatistik fehlt völlig. Offenbar ist Ihnen bzw.
Ihren Kollegen nicht bewußt, daß Sie als Preis für die Verhütung einiger
weniger Unfälle tausendfach Angst, Leid, Wut und Verzweiflung unters Volk
werfen und dabei auch viele Kinder und alte Leute treffen, die Sie zu
schützen vorgeben. Das war die menschliche Seite. Den Hunden verwehren
Sie jede Chance auf eine artgerechte Haltung. Mit Maulkorb und Leine läßt sich
kein Hundeleben führen. Artgerechte Haltung heißt Auslauf, wenigstens an
geeigneten Orten und den Fang zu verbinden, so daß der Hund nicht einmal mehr
hecheln kann, ist Tierquälerei. Sie werden auch nicht behaupten können, daß
der Anblick eines Hundes, der mit dicker kurzer Leine und festem Maulkorb
ausgeführt wird, gerade vertrauenserweckend ist. Unseren Kindern erziehen wir
die Hundeangst doch mit solchen Methoden erst an! Eine Kontaktaufnahme mit einem
fremden Hund, auch wenn sie ordnungsgemäß nach Rücksprache mit dem Halter
erfolgt, ist so kaum mehr möglich. Haben Kinder aus hundelosen Haushalten
überhaupt noch eine Chance, zu Hundefreunden heranzuwachsen? Sie werden
reichlichen Erklärungsbedarf haben, warum viele Jugendliche mit ihrem harmlosen
vierbeinigen Freund von einem Tag auf den anderen nicht mehr auf die Straße
dürfen. Sollte es in Ihrem Bundesland gar so weit kommen, daß harmlose Hunde
aus ihren Familien gerissen und getötet werden, weil sie einer bestimmten Rasse
angehören, werden Ihnen Vergleiche mit politischen Aktionen aus der ersten
Hälfte des letzten Jahrhunderts in Deutschland nicht erspart bleiben.
Sie haben noch die Möglichkeit, die Verordnungen zu ändern, bevor es zu spät
ist. Natürlich braucht das Miteinander in dicht bebauten Gebieten gewisse
Spielregeln, die man in vernünftiger und realistischer Weise formulieren kann,
so daß alle zu ihrem Recht kommen, Menschen wie Hunde. Ganz ohne Unfälle wird
es im ganzen Leben nicht gehen und zur Bekämpfung der Kriminalität haben wir
genügend Gesetze. Man muß sie nur konsequent anwenden.
Wenn Sie von Ihrem Rundumschlag absehen, werden viele Hundefreunde, Halter,
Vereine und Fachleute bereit sein, konstruktiv an einer positiven Problemlösung
mitzuwirken.