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Von: Maico Schulz
Betreff: Is was, Doc?
Datum: Dienstag, 25. Juli 2000 20:17


Hihø liebe NG,

Der dienstälteste Hauskater, Bill, ist - wie all meine Katzen - Freigänger. Zu seinem Schicksal gehört nicht nur der stets leere Futternapf und der nur auf ihn fallende Regen, das er sich bei manchen Gefechten mit fremden Katzen schon mal mehr oder weniger beachtliche Schrammen und Blessuren holt. Zu meinem Schicksal gehört es, das er danach meist recht beachtliche Eiterblasen bekommt und ich mit ihm zum Tierarzt fahren darf.

Dieses Schauspiel menschlicher Hilflosigkeit kündigt sich zumeist durch ein leises, entkräftetes "Mauuuuuuuuunz" an der Haustür an. Ich quäle mich aus dem Sessel, wimmle die beiden Hunde ab, die schon wieder in meinem Marsch zur Haustür etwas gänzlich anderes vermuten, öffne die Tür. Erstaunt nehme ich meinen Kater in die Arme. (Warum bricht er erst jetzt zusammen?). Drinnen in der Bude checke ich ihn, diesen ärmsten Maunzer dieser Welt, dieser weißrote, blutverkrustete Antiheld der Katzenwelt und ein Blick auf das total dicke Bein läßt mein Blick auf meinen sehr dünnen Geldbeutel schweifen. Hilft nichts, Meister Schulz, sage ich mir: Der muß zum Doc. Ich krame also vom oberen Ende des Dielenschranks den kleinen Katzentransportkasten. Aisha und Leonid wedeln ziemlich eifrig, denn für beide ist das Einpferchen des Katers immer etwas, wo ich als Mensch sagen würde: "Genugtuung." Zwar ist Bill durch seine Verletzung und sein Schicksal ein entkräfteter Kater, aber im Angesicht des Katzenknastes und der beiden schadenfreudigen Hunde pocht sein Katerherz und das Katzenhirn ruft "Revolte!".

Während ich mir im Bad Heftpflaster an die schlimmsten Kratzer im Gesicht und den Armen abklebe, frage ich mich, warum Bill noch nichts von der Starre beim Katzengenickgriff gehört hat. Dieser sitzt stinksauer und geladen im Katzenknast, umgeben von zwei ausgesprochen gutgelaunten Hunden. Die Tischdecke hängt noch in Fetzen vom Küchentisch. 

Ich packe Bill ins Auto, setze mich ans Steuer, als aus dem Haus das obligate "Auuuwuuuuhuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuh" meiner beiden mitfühlenden Hunde ertönt. Als ich den Motor anlasse, wird das "Auuwuuuhuuuuuuuuuuuuuuuuuh" bemerkenswert lauter. Ich mache den Motor wieder aus und gehe rein, packe meine beiden Hunde ins Geschirr und lade sie kurzerhand noch ins Auto. Meine Güte, was soll der Geiz? Die sind halt gern beim Doc, insbesondere dann, wenn sie selbst nichts haben..

So geht die Fahrt runter nach Nidda. Auf dem Beifahrersitz Bill im Katzenknast, der mit der Pfote versucht, mir das Schalten zu vermiesen, im Heck zwei unverhohlen blendend gelaunte Huskies. Als wir bei McDonalds vorbeifahren, wedelt Aisha besonders intensiv... Naja, jedenfalls komme ich, ähm, kommen wir beim TA an. Ich nehme mir Bill samt Knast und gehe zum TA in die Praxis. Aisha und Leonid nutzen die Zeit zu einem eifrigen Geheule im Auto. Das steht natürlich an der Hauptstraße und die Menschen sammeln sich langsam zu einer Zuschauertraube. (Was Aisha und Leonid nur noch mehr inspiriert, laut zu heulen.)

Wartezimmer sind was irres. Ich sitze da mit Bill im Kistchen, neben mir ein Rentner mit einem Pinscher, eine rüstige Dame mit einer Perserkatze, ein Kind mit einem Meerschweinchen. Mein Blick geht aus dem Fenster zu der Straße, wo um meinen weißen Corsa eine Volksversammlung stattfindet. Ich kann meine Gesichtsröte kaum verkneifen. Warum nur immer ich? Was habe ich nur falsch gemacht?

Ich sage der TA-Helferin, das ich nur schnell meine Hunde hole, die können nämlich nicht ohne mich. Bill in der Kiste abgestellt, runter zum Auto, sich durch die Menschentraube kämpfend ("Tschuldigung, die Hunde da, die müssen jetzt zum TA - Stimmbandoperation..."), die beiden Knalltüten aus dem Auto, Leonid von seiner Autogrammstunde abhalten und mit den Hunden hinauf zum TA. Bill sitzt in seiner Kiste und maunzt klagend, der Pinscher pfiepst freudig auf, als er Artgenossen entdeckt, Aisha schätzt den Kaloriengehalt des Meerschweinchens, die Perserkatze faucht, Leonid freut sich einfach. Undich kann eigentlich nicht mehr...

5min später, die Perserkatze ist in Behandlung. Das Kind hat sein Meerschweinchen in Sicherheit gebracht und ist zu Leonid gegangen, um diesen zu Kraulen, Aisha überlegt, wie dieser Käfig zu öffnen ist, der Pinscher wird von seinem Herrchen sicherheitshalber am Kontaktaufnehmen verhindert. Bill leidet... Und ich schwitze... Aisha zieht sich immer näher zum Meerschweinchen in der anderen Ecke des Wartezimmers, im Schlepp mich samt Stuhl, unter ihren Pfoten zerfetztes Linoleum. Leonid kaspert mit dem Kind herum. Der Pinscher quiekt vor verhinderter Motivation. Das Meerschweinchen ahnt, das Aisha nichts gutes vor hat. Bill leidet still. Mir läuft die Brühe, und ich versuche mit aller Kraft, das millimeterhafte Rutschen pro Sekunde durch geschicktes Fuß-entgegen-stemmen zu bremsen. Leonid ist zusammen mit dem Kind total abgespaced, Aisha entdeckt ihre Vorliebe fürs Weight-Pulling, das Meerschweinchen zittert, der Pinscher wird vom fassungslosen Rentner mit Leibeskräften gehalten, Bill leidet unglaublich, und ich... kann... nicht... mehr...

Der Perser ist fertig mit der Behandlung, nun ist (gottseidank) die Meersau dran. Das Kind reißt sich von Leonid los, der quietscht auf, sein armes Hundeherz gebrochen... Aisha stellt beleidigt das Ziehen ein. Bill simuliert schon mal das Sterben.

Nun wagt der Rentner doch mal ein Gespräch: R = Rentner, I = Ich

R: "Sagen Sie mal, sind das Schlittenhunde?"
I: "Leider."
R: "Sind die krank?"
I: "Höchstens geistig. Nein, mein Kater ist krank." ich deute auf den Kater...
    (Bill streckt Zunge raus und ächzt)
R: "Und die vertragen sich?"
I: "Ja, klar!" (Aisha, Leonid und Bill schütteln vehement den Kopf)
R: "Die kleine da, ist die noch ein junger Hund?" deutet auf Aisha
I: "Nein. Ist nur kompakt gebaut!"
R: "Und das ist der Chef?" deutet auf strahlenden Leonid
I: "Nein..." deute auf mich
R: lacht...
I: beleidigt...

Naja, das Kind kommt nach einigen Minuten tränenüberströmt aus der Praxis. Ohne Meerschweinchen. Aisha schaut mich vorwurfsvoll an. ("Siehste, hätte ich doch auch gekonnt, Alter!") Leonid kann das Kind auch nicht mehr trösten. Und der Rentner geht mit dem Pinscher in die Praxis. Zwischenzeitlich hat Bill es geschafft, mittels der Pfote sich samt Kiste vorzuzerren um mir die Krallen ins Bein zu rammen. Mir kommen die Tränen vor Schmerz.

Endlich, endlich bin ich dran. Zu viert (L&A&B und ich) stürmen wir in das Behandlungszimmer. Leonid springt auf den Behandlungstisch und wedelt, Aisha spürt die Dose mit Leckerlis auf, Bill faucht wie ein Vulkan, meine TA schaut mich irritiert an, und ich kann nur noch ein "Is was, Doc" stöhnen...

so fertig mit der Gesundheit
Maico

(nur unwesentlich das reale übertreibend)

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keep your dogs happy...
  ...and fight for them!


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