Von: Maico Schulz
Betreff: Der letzte Tag des W.
Datum: Dienstag, 1. August 2000 20:13
Hihø liebe NG,
Der letzte Tag des W. (Name aus Rücksicht gegenüber der hinterbliebenen
Familie geändert und abgekürzt)
Der letzte Tag des W. war der 1.8.2000. Zum ersten Mal seit Wochen ging in
seiner Heimat, dem südlichen Hang eines nicht weiter wichtigen Dorfes, die
Sonne auf. W. reckte und streckte sich, tippelte zu seiner Haustür, streckte
die Nase ungläubig heraus und schnuffelte höchst erfreut durch die frische
Luft eines tollen Tages.
W., Vater von über 300 tüchtigen jungen Feldmäusen, pfiff erstmal ein mutiges
Mäuselied und machte sich auf, für seine Frau und seine jüngsten, noch daheim
lebenden Kinder, ein paar nette saftige Regenwürmer, knusprige Grillen und
proteinreiche Heuschrecken zu suchen. Seine Frau meinte noch, er solle
Regenwürmer meiden, die wären derzeit eh zu oft auf dem Tisch. Schnecke wäre
nicht verkehrt.. W. nickte nochmal aufrichtig seiner Frau zu. Es sollte das
letzte Mal sein, das er sie zu Gesicht bekommt.
Sein Blick ging sorgsam über den blauen Himmel, ein gezielter Blick versicherte
ihm, das kein Bussard dort oben kreist. Er hob seinen Oberkörper an und schaute
sich die Umgegend an. Keine Katze in Sicht. Perfekt, dachte sich W.
Hätte W. seinen Blick doch nur wenige Sekunden länger den Feldweg
entlangschweifen lassen, hätte ihm das Dreiergespann auffallen müssen, das
sich wie das jüngste Gericht den Weg zu ihm bahnte. Vielleicht aber war er
durch die ebenfalls im Osten stehende Sonne etwas geblendet und konnte das
drohende Ungemach nicht erkennen.
W. schärfte seinen Gehörsinn nach dem typischen Rascheln und Zirpen der
knusprigen Grillen, die heute endlich mal den Küchentisch zieren sollten. War
es seine Konzentration, die die typischen menschlichen Laute und das
dampflokartige Geschnaufe zweier Hunde für ihn nicht hörbar machte? Oder war
es das milde Rascheln im Gras, das durch den sanften Wind erzeugt wurde? Warum
reagierte W. nicht, als plötzlich um ihm herum sich die Landschaft partiell
verdunkelte, und dieser Schatten eindeutig die Konturen zweier spitzer
Hundeohren aufwies? Wo plötzlich alle Grillen nicht mehr zirpten? Als sich W.
erstaunt umdrehte und in die böse funkelnden Augen (blau und dunkelbraun) und
die aufgerichteten Ohren des Hundes blickte, ahnte W., das nun alles vergeblich
ist, was er auch tut? Was dachte er, als in Sekundenbruchteilen der Hund den
Schlund aufriß und auf ihn zusprang? Als er die blitzenden, scharfen und
spitzen Fangzähne auf sich zukommen sah? Hörte er noch den Ausruf des
Menschen: "Aisha, du hast doch gefrühstückt!" oder war er schon tot?
Fragen über Fragen. Heute, in der Wiese am Südhang von Stornfels.
so dramatisch
Maico
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