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Von: Maico Schulz
Betreff: Was erlauben sich eigentlich Rehe!
Datum: Freitag, 21. April 2000 11:29


Hiho liebe NG,

Es gibt Jahreszeiten, die so ihre Nachteile haben. Ostern gehört dazu. Ok, man kann sich über wehrlose Schokoladenosterhasen hermachen, gnadenlos Eier köpfen und sich freudig über die Kinder amüsieren, die nach den Ostereiern suchen, die man in besten Natofarben angemalt und in den Brennesseln versteckt hat. Für meine Hunde ist das aber nix, denn: Es gibt Heerscharen von Leuten, die sich mit ihrem Wufftelchen auch auf den Weg machen (diese in meiner Gegend typischen "250m - Schweißwegwisch - 250m - Schweißwegwisch" - Spaziergänge). Außerdem ist es ab 10 Uhr eigentlich schon viel zu warm. Also stellt man seinen Wecker auf die gemeine Uhrzeit: 5:00h und:

...macht einen Guten Morgen Marsch mit seinen Hunden...

Ich kam heute morgen dann gegen halb sechs aus dem Haus, am Horizont tauchte das erste Hellblau auf, die Temperaturen waren richtig angenehm (gemessen: 6°C), Leonid und Aisha zerrten wie Lokomotiven an ihren Leinen, uns so stolperte ich mehr oder minder hinunter ins Tal, tauchte ein in leichte Nebelschwaden und genoß den sehr malerischen Eindruck. Zumindest Aisha hatte für derartige romantische Firlefanze keinen Zugang, sondern massakrierte am Wegesrand erstmal eine Maus. Leonid hingegen erspähte im Nebel erste Lieblingsbäume und begann seinen internen Count-Down zum Markieren. Ich versuchte mich in Ornithologie und deutete Vogelstimmen ("War das nun ein Kanarienvogel? Wars doch ein Wellensittich? Oder wars ein Zebrafink? Es könnte aber auch ein Steinadler gewesen sein...") um festzustellen, das ich davon keine Ahnung habe. Wir kamen inzwischen am kleinen Bach an, der quasi das Ende des Abstiegs vom Berg bedeutet und folgen ihm so gut 2km. Ich - gefangen in meiner duseligen Romantisiererei, Leonid als lebendes Peil-Visier-Markier Wesen und Aisha, die einige Mäusefamilien um ihren Brötchengeber brachte. So überraschte mich mal wieder alles - hier schön langsam wiedergegeben - innerhalb von Sekundenbruchteilen:
Leonid peilt ein Busch an, der sich als Reh herausstellte. Leonid pfiepst freudig auf. Aisha lupft ihren Kopf aus der Grasebene hinauf und visiert das Reh an. Beide spannen ihre Hinterläufe an und preschen nach vorne durch. Die Leinen straffen sich, der Bauchgurt zieht meine Wirbel in die Nähe des Bauchnabels, meine Füße gehen von der Haftreibung in die Gleitreibung über, gekoppelt mit einem gleichzeitigen "Scheiße!" Wortlaut, und ich bereite mich auf eine unsanfte Landung auf der recht nassen Wiese vor. Dort eher glücklich gelandet, erfährt mein Körper eine beachtliche Beschleunigung, während meine Hände eher panikartig nach irgendetwas faßbarem greifen. Leonid und Aisha interpretieren mein Gebrüll als Anfeuerung und dank des nassen Grases bin ich eine etwas fragilere Pulka. Ich registriere das zunehmende Tempo, spüre Unebenheiten am Hintern, danke Gott für Goretexklamotten, als ich mir klar werde - WO meine Hunde hinsteuern. Sie rennen dem Reh hinterher, geradewegs auf den kleinen Bach zu. Ich - nun wirklich keine Lust auf ein Bad - brülle: "Come haw, come haw, come haw", aber was ist das Kommando eines Mushers angesichts einer saftigen Rehkeule. Ich versuche mit meinen Füßen irgendwie einen Schneeanker zu imitieren, aber erfolglos. Vor dem Bach fällt Leonid ein, das er eigentlich wasserscheu ist, und er stoppt ab. Aisha hingegen prescht weiter, und so verwandelt sich Leonid mit mir zum neuen Treibanker. Das wird aber auch Aisha zu viel Gewicht, und so komme ich endlich zum Stehen. Das Reh ist verschwunden, und meine beiden Rabauken kommen nach einigen Wuff-Njefff Rufen zu mir, schlabbern mir übers Gesicht, während ich mich mehr oder minder gutgelaunt aufrappele. Ich schaute mich an: das Wasser rinnt an meiner Goretexjacke und Hose herab, da die Hose eh grün ist, sieht sie richtig moderat aus. Glücklicherweise keine Zuschauer..

Der Rest des Spaziergangs bliebt ich auf meinen eigenen Füßen, interpretierte wieder Vogelgesang ("Das ist doch die Melodie von 'Hey Jude'? oder wars doch 'Singing in the rain'?"), Aisha massakrierte noch zwei Mäuse und Leonid erspäte in 200m Entfernung _seinen_ Lieblingsstrommast, und als ich gegen 9 Uhr zuhause ankam, meinte mein Nachbar: "Na, Sie ham's ja gut, so ein schöner Spaziergang am Morgen, ne?"

Dankenswerterweise nur ein ordentlicher blauer Fleck auf der rechten Seite - ja, ich hab's echt gut.

so allen schöne Ostern wünschend
Maico

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keep your dogs happy...
  ...and mush


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