| Januar | Februar | März | April |
| Mai | Juni | Juli | August |
| September | Oktober | November | Dezember |
Von: WiegandCJ
Betreff: Wildkinderstube im April
Datum: Samstag, 17. Aprili 1999
Also gut, Leute. Allerdings eines vorneweg: ich muß mich um mein Revier und um
die Ausbildung eines jungen Hundes kümmern und habe deshalb keine Zeit, hier
Bücher zu schreiben. Deshalb habe ich das meiste der folgenden Texte die Buch
von Blase, Die Jägerprüfung, entnommen und für unsere Zwecke dann nur etwas
ergänzt und bearbeitet. Also bitte das Copyright beachten.
Die Größe der Sätze beim Hasen schwankt zwischen ein bis sechs Jungen. Im Durchschnitt sind es sieben bis acht Junge, die pro Häsin in drei bis vier Sätzen (pro Jahr) geboren werden. Die ersten Sätze, meistens nur aus ein bis zwei Jungen bestehend, sind schon im Februar und März zu finden. Weitere Sätze folgen im Abstand von etwa zwei Monaten.
Anfangs liegen die frisch geborenen, aber schon sehenden und gut entwickelten, um ca. 100 g wiegenden Junghasen dicht beieinander, und zwar draußen auf dem Boden. Baue gibt es im Gegensatz zu Kaninchen nicht. In dieser Zeit sind die Junghasen besonders gefährdet.
Wo z. B. viele Krähen und Elstern sind, kommt kaum einer durch. Auch Fuchs und streunende Katze sind eine große Gefahr. Schon nach drei, vier Tagen zerstreuen sie sich in der nächsten Umgebung. Das ist sehr sinnvoll, da so die Gefahr vermindert wird, daß der ganze Wurf von einem Beutegreifer gefressen wird.
Die Häsin hält sich nicht bei den Jungen auf, ist aber in der Nähe und versucht manchmal, kleinere sich nähernde Feinde zu vertreiben. Dabei mimt sie oft eine Krankheit oder Verletzung, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sieht man in dieser Zeit einen Hasen, der sich vor dem Hund eines Spaziergängers nicht durch schnelle Flucht rettet, sondern mühsam dahinschleppt, kann man mit Sicherheit davon ausgehen, daß Junghasen in unmittelbarer Nähe sind.
Gesäugt werden die Junghasen am späten Abend, meist nach Einbruch der Dunkelheit. Anfangs sucht die Häsin ihre noch etwas unbeholfenen Jungen auf. Später, wenn sie schon genügend bewegungsfähig sind, kommen diese selbst zum Säugeplatz. Mit 20 bis 30 Lebenstagen endet die Säugezeit, die Junghasen werden selbständig.
Die Trächtigkeit beim Schwarzwild dauert 120 bis 140 Tage. Die meisten Frischlinge werden somit im März und April geboren. Erwachsene Bachen werfen sechs bis acht, junge Bachen weniger Frischlinge.
Bisweilen sieht man Bachen, die mehr als zehn Junge führen. Das bedeutet, daß sie auch die Frischlinge einer zweiten Bache übernommen haben. Das passiert aber nur innerhalb des engeren Familienverbandes. Die Säugezeit dauert bis zu vier Monate. Anfangs werden die Frischlinge fünf- bis sechsmal täglich gesäugt. Im Alter von zwei Wochen fangen die Frischlinge an, ihre Mutter bei der Nahrungssuche zu begleiten und selber Nahrung aufzunehmen.
Die Rebhenne legt ab Ende April etwa 15 einfarbig olivbraune Eier unter Hecken, in Wiesen, im Klee oder wachsenden Getreide, die nach 24 bis 25 Tagen ausgebrütet sind. Wenn das erste Gelege im frühen Brutstadium verunglückt, macht die Henne ein zweites oder Nachgelege, das dann aber nur aus 5 bis 10 Eiern besteht. Die Küken fallen dann erst im August aus. Jedes Paar hat sein Revier, das energisch verteidigt wird.
Die Fasanenhenne legt Ende April, Anfang Mai in ein gescharrtes Muldennest 8 bis 18 einfarbig olivbraune Eier. Die Brutzeit dauert 24 Tage. Bei Ausfall des Erstgeleges macht die Henne ein Zweitgelege, dessen Jungfasane zu Beginn der Jagdzeit noch nicht ausgefedert sind. Die Küken sind Nestflüchter und nach 14 Tagen flugfähig.
Nachdem die Fuchsfähe nach Hundeart begattet wurde, wölft sie Mitte März bis Mitte April im Mutterbau oder einem extra angelegten Wurfbau 4 bis 8 Welpen. Der Wurfkessel wird mit Bauchhaaren der Fähe gepolstert, die 14 Tage lang blinden Welpen werden als "Nesthocker" ca. 3 Wochen lang nur gesäugt.
Da ihre Thermoregulation erst nach dieser Zeit ausreichend funktioniert, erscheinen sie nach ca. 3 Wochen, also etwa Ende April, vor dem Bau, es wird zugefüttert. Nach 2 bis 3 Monaten kann man die Fähe mit ihrem Nachwuchs auf der "Schulpirsch" beobachten. Die Rüden sind nicht maßgeblich an der Aufzucht beteiligt.
Übrigens beginnen auch bereits Kiebitze und Lerchen mit ihrem Brutgeschäft, und zwar auf dem Boden. Werden sie dabei häufig und/oder intensiv gestört, verlassen sie ihr Gelege. Ihr seht also, auch im April ist in der Kinderstube der Natur schon einiges los.
Carl
Von:
WiegandCJ
Betreff: Wildkinderstube im Mai
Im wesentlichen gilt noch das gleiche wie im April.
Jetzt, im Mai, teilweise auch Anfang Juni, werden aber die Rehkitze
gesetzt.
Zunächst einmal schlägt die Ricke jetzt ihre vorjährigen Kitze ab, die jetzt
nach ca. einem Jahr Lebensdauer erwachsen und geschlechtsreif sind. Da die
Ricken sich aber nur mit den jetzt neugeborenen Kitzen befassen, müssen sie die
vorjährigen loswerden. Das geschieht mitunter - nach menschlichen Vorstellungen
- recht brutal. Es hat schon seinen Grund, warum die Jägersprache dafür das
Wort "abschlagen" verwendet. Die Einjährigen verstehen dann die Welt
nicht mehr und versuchen eine Zeit lang immer wieder, zur Ricke zurückzukehren,
die sie aber eben nicht läßt. Letztlich müssen sie sich aber ihren eigenen
Lebensraum suchen. Rehe leben nämlich von Mai an bis zum Winter grundsätzlich
einzeln. Jedes hat sein eigenes Territorium, auch wenn es noch so klein ist, und
nur die Ricken leben mit ihren eigenen (neuen) Kitzen zusammen, bilden aber
keine Großfamilien, sondern halten sich ebenfalls von anderen Ricken getrennt.
Die neuen Kitze werden durchweg in hoch stehende Wiesen gesetzt, wo sie die
erste Zeit allein abgelegt bleiben. Die Ricke kommt nur von Zeit zu Zeit zum
Säugen vorbei, wobei sie ihre eigenen Kitze am Geruch erkennt. Deshalb ist es
wichtig, daß die Kitze keinen Fremdgeruch annehmen, sei es durch Anfassen durch
den Mensch, aber auch durch Belecken durch einen Hund. Mensch und Hund sollten
also jetzt hochgewachsene Wiesen meiden, auch und gerade wenn nichts zu sehen
ist.
Ein großes Problem ist es natürlich, wenn die Bauern dann die Wiesen mähen.
Das ist nur auf den ersten Blick hier OT, denn die Lösung dieses Problems
besteht hauptsächlich darin, daß der Bauer dem Jäger möglichst am Tag vor
dem vorgesehenen Mähtermin Bescheid gibt, damit der Jäger die Wiese vorher mit
dem Hund absuchen kann.
Ich selbst suche übrigens gemähte Wiesen auch gleich nach dem Mähen noch
einmal mit dem Hund ab, denn leider kommt trotz aller Vorbeugung doch immer
wieder einmal ein Tier in den Mäher. Solche Tiere leben dann häufig trotz
schwerer Verletzungen noch, und was man dann als Jäger tun muß, ist wirklich
nicht schön.
Carl
Von: WiegandCJ
Betreff: Wildkinderstube im Juni
Datum: Dienstag, 1. Juni 1999 14:39
Die Jungenten sind jetzt halbwüchsig. Fliegen werden sie erst
Anfang Juli können. Ihre Fluchtmöglichkeiten sind also noch sehr
eingeschränkt.
Ähnlich geht es den jetzt schlüpfenden Küken von Kiebitz, Fasan
und Rebhuhn.
Auch die Kitze beim Rehwild (1 bis 3 je Ricke) sowie die
Kälber beim Rotwild (fast immer nur eins je Alttier) sind
durchweg bereits gesetzt, aber noch kaum fluchtfähig. In einzelnen Fällen
werden sie -je nach Konstitution des Muttertieres sowie nach der Entwicklung von
Wetter und damit einhergehend der Vegetation- auch erst Anfang Juni gesetzt.
Die Kälber des Damwildes (das ja nicht überall vorkommt; der
Schwerpunkt liegt in den nördlichen Bundesländern) werden ca. 14 Tage später
gesetzt.
Die ersten Junghasen wurden bereits im Februar oder März
gesetzt. Von da an setzt die Häsin etwa alle zwei Monate einen neuen Satz bis
in den September hinein. Mit ebenfalls zunächst kaum fluchtfähigen Junghasen
muß also auch jetzt noch bis in den Spätsommer hinein gerechnet werden.
Die Jungfüchse beginnen jetzt selbständig zu werden. Ich habe
selbst am letzten Wochenende drei Stück gesehen, die auf frisch gemähten
Wiesen noch ziemlich ungeschickt nach Mäusen gesucht haben. Daß sie schon Ende
Mai soweit sind, ist allerdings etwas ungewöhnlich.
Carl
Von: WiegandCJ
Betreff: Wildkinderstube im Juli
Datum: Donnerstag, 8. Juli 1999 13:28
Eine ganze Reihe von Vogelarten brütet mehrfach im Jahr, z. B.
Tauben, deren Gelege immer aus zwei rein weißen,
langelliptischen Eiern besteht. Die Eier werden von beiden Geschlechtern 15 bis
17 Tage bebrütet (vom Tauber etwa von 10 bis 16 Uhr). Es erfolgen in der Zeit
von April bis August zwei bis drei Bruten. Die Bruten sind oft ineinander
geschachtelt, d.h., während die Taube das nächste Gelege bebrütet, betreut
der Tauber noch die Jungen der vorhergehenden Brut.
Andere Vogelarten, z. B. Fasan und Rebhuhn,
machen nur dann ein Nachgelege, wenn das erste aus irgendwelchen Gründen
verunglückt. Junge aus solchen Nachgelegen schlüpfen beim Fasan etwa Ende
Juli, beim (stark in seinem Bestand gefährdeten) Rebhuhn erst im August.
Die Jungenten werden im Juli nach und nach flügge. Dafür
verlieren allerdings die Altenten jetzt ihre Flugfähigkeit, weil sie in der
Mauser sind, die bis bis Anfang August andauert. Falls sich übrigens jemand
fragt, wo die bunten Erpel geblieben sind: schon ab Ende Mai vertauscht der
Erpel sein sog. Prachtkleid gegen das Schlichtkleid, im Juni/Juli wechselt er
alle Schwungfedern gleichzeitig und ist daher drei bis vier Wochen lang
flugunfähig. Danach legt er in der Herbstmauser wieder das Prachtkleid an.
Mausernde Erpel nennt man "Rauherpel".
Die Kitze beim Rehwild sowie die Kälber bei Rot- und
Damwild stehen jetzt bereits gut auf eigenen Läufen und sind auch
bereits fluchtfähig. Dennoch sind besonders die Kitze des Rehwildes nach wie
vor -oder besser erneut- durch Hunde gefährdet. Zwischen Mitte Juli und Mitte
August findet nämlich die Brunft des Rehwildes, die sog. Blattzeit statt.
Blattzeit, weil in dieser Zeit die sog. Blattjagd durchgeführt werden kann.
Diese Bezeichnung kommt daher, weil die Jäger mit einem Buchenblatt sehr gut
die fiependen Locklaute der Ricken nachahmen können. Während die Ricke ihrem
Liebesleben nachgeht, legt sie ihre Kitze im hohen Gras ab und läßt sie dort
allein. Bei Gefahr bleiben die Kitze dort, wie schon in ihren ersten
Lebenstagen, fest liegen (sie drücken sich) und sind in dieser Zeit deshalb
ebenfalls durch Hunde gefährdet. Gleiches gilt mittelbar auch für die
erwachsenen Rehe. Durch den Brunftbetrieb sind sie relativ unvorsichtig und
erkennen Gefahren daher erst sehr spät, egal, ob es sich um Menschen, Hunde
oder Autos handelt. Entsprechend panisch und kopflos fällt dann die Flucht aus,
und so ist es nicht verwunderlich, daß während der Blattzeit die meisten Rehe
überfahren werden.
Beim Hasen sollte man daran denken, daß ab Februar/März bis
in den September etwa alle zwei Monate Junghasen gesetzt werden, also eigentlich
den ganzen Sommer über mit zunächst fluchtunfähigen Junghasen gerechnet
werden muß.
Carl
Von: WiegandCJ
Betreff: Wildkinderstube im August
Datum: Samstag, 7. August 1999 16:25
Die Jungenten sind jetzt aus dem Gröbsten raus, vor allem
können sie jetzt fliegen. Dafür sind aber jetzt die Altvögel in der Mauser
und damit an das Wasser gebunden. Damit sind sie jetzt sehr gefährdet, und man
sollte deshalb nach wie vor keine Hunde in schilfbewachsene Gewässer lassen.
Fast immer liegen die Enten im Schilf, und das bleibt einer Hundenase nicht
verborgen.
Auch sonst sind die meisten Jungtiere über den Berg. Wer etwa eine Ricke mit
Kitzen sieht, wird feststellen, daß die Kitze schon fast so groß und stark wie
die Ricken sind, und das nach nur ca. 2 (zwei!) Monaten bisheriger Lebenszeit.
Dennoch gibt es immer noch frisch gesetzte bzw. geschlüpfte Jungtiere, nämlich
bei all den Arten, die zum Überleben auf eine hohe Fortpflanzungsrate setzen.
Das sind bei uns vornehmlich Hasen, Kaninchen
und Tauben. Auch Vögel, die ihren ersten Nachwuchs verloren
haben, haben im Juli nachgebrütet, so daß die Nachbrut jetzt gerade
geschlüpft ist. Dies gilt z. B. für das gefährdete Rebhuhn
und den Fasan.
Das heiße trockene Wetter in diesen Tagen ist übrigens Ursache für eine
Gefahr, die jetzt nicht nur jungen, sondern auch ausgewachsenen Tieren drohen:
Waldbrände.
In mehreren Bundesländern ist die Vegetation durch die anhaltende Hitze so
trocken, dass höchste Brandgefahr besteht. Insbesondere kleinere Tiere wie
Laufkäfer, Kröten, aber auch Jungtiere anderer Arten werden Opfer der Flammen,
während sich grössere Wildtiere wie Reh, Hirsch und Wildschwein meist durch
Flucht in Sicherheit bringen können. Nach einem Brand dauert es Jahre, bis sich
die Natur regeneriert hat.
Von den mehr als 1000 Waldbränden in Deutschland im vergangenen Jahr entstanden
201 Brände durch Fahrlässigkeit. Hauptursachen sind häufig achtlos
weggeworfene Zigaretten und nicht ordentlich gelöschte Lagerfeuer. Wenig
bekannt ist, daß die enorme Restwärme des Katalysators einen Waldbrand
auslösen kann, wenn das Auto auf trockenen Wald- und Wiesenrändern abgestellt
wird.
Zur Verhütung von Waldbränden besteht nach dem Forstrecht ein Rauchverbot im
Wald. In vielen Bundesländern gilt die Regelung vom 1.3. bis 31.10. Außerdem
ist das Feuermachen und das Einrichten von Feuerstellen verboten. Das Land
Nordrhein-Westfalen beispielsweise ahndet einen Verstoß mit Geldbußen bis zu
50.000 Mark. Erlaubt ist hingegen das Grillen auf entsprechend eingerichteten
und genehmigten Plätzen.
Carl
Von:
WiegandCJ
Betreff: Wildkinderstube im September
Datum: Freitag, 10. September 1999 17:54
Jetzt erblicken nur noch von ziemlich wenigen Tierarten Junge zum ersten Mal das
Licht ihrer Umwelt. Vor allem Hasen und Kaninchen,
aber auch Mäuse bekommen jetzt noch Junge. Diese Arten setzen
ja ganz bewußt auf eine hohe Nachwuchsproduktion als Mittel zum Arterhalt, weil
gerade bei ihnen auch die natürliche Sterblichkeit relativ hoch ist.
Bei den meisten anderen Tierarten muß man schon Erfahrung in der Beobachtung haben, um Jung- und Alttiere noch auseinanderhalten zu können. Lediglich bei Tierarten, die sich zwei Jahre Zeit lassen bis zum Eintritt der Geschlechtsreife, sind die Jungtiere noch deutlich zu unterscheiden, also vor allem beim Rot-, Dam-, Sika- und Schwarzwild.
Dabei ist die Aufwuchsleistung ganz enorm. Wir haben in unserem Revier Anfang September schon Rehkitze erlegt, die schwerer waren als gleichzeitig erlegte Ricken, und die Kitze sind zu dieser Zeit ja gerade mal drei bis dreieinhalb Monate alt (und ehe ich jetzt Prügel als Kindermörder bekomme: die Ricke, zu denen diese Kitze gehörten, war überfahren worden, und damit hatten sie kaum noch eine Chance, den Winter zu überleben).
Neu ist für fast alle Wildtiere etwa seit Anfang des Monats der sogenannte Ernteschock. Flächen, die gestern noch dicht bestanden waren und sowohl Nahrung als auch Deckung boten, also z. B. Getreidefelder, sind von heute auf morgen kahl, und den Tieren, die dort leben, fehlt jede Deckung. Sich darauf einzustellen heißt verstärkte Mobilität, und so steigen zu dieser Zeit sowohl die Möglichkeiten zur Beobachtung wie auch -leider- die Wildunfälle stark an.
Ab Ende des Monats heißt es dann: verstärkt reinhauen, damit Nahrungsreserven für den Winter gebildet werden, dessen Nahrungsangebot ja gerade für die Tierwelt recht mager ist.
Und das Rotwild macht sich in diesem Monat schon mal Gedanken über den Nachwuchs im nächsten Jahr: Ende September beginnt die Brunft.
Carl
Von:
WiegandCJ
Betreff: Wildkinderstube im Oktober
Datum: Donnerstag, 7. Oktober 1999 14:49
Außer bei Mäusen kommen jetzt fast keine Jungtiere mehr zur Welt. Aber alle Jungtiere aus diesem Jahr haben trotzdem noch eine spezielle Jugend-Aufgabe, nämlich rechtzeig vor dem Wintereinbruch von der Ernährungs- und Konstitutionssituation her mit den Alttieren gleichzuziehen. Wenn die Nahrungs- und Leistungsreserven im Winter knapp werden, tritt kein Alttier zurück und sagt: laßt erst mal die Kinder ran!
Alle Tiere, also alte wie junge, legen jetzt verstärkt Nahrungsreserven an. Jetzt gibt es ja für alle noch reichlich zu fressen. Pflanzenfresser finden überall Früchte, Eicheln, Bucheckern. Und Prädatoren finden überall noch reichlich Beutetiere. Die einen fressen sich ihre Reserven an, die anderen schaffen sich Lebensmittel-Magazine, die nicht alle verbreitet bekannt sind. Was Hamster und Eichhörnchen einlagern, weiß zwar fast jeder. Aber kaum bekannt ist dagegen, daß sich zum Beispiel der Iltis eine Art Schlachtvieh hält: er lähmt Frösche durch Nackenbiß und hortet sie dann lebend, bis sie auf seinen Teller kommen.
Im übrigen wird jetzt auch schon fleißig an der Wild-Kinderstube für das nächste Jahr gearbeitet. Das Rotwild hat zum Monatswechsel mit der Brunft begonnen. Das nur mit kleinen Beständen vorhandene Sikawild läßt sich dafür besonders viel Zeit: bei ihm dauert die Brunft vom September bis zum November. Auch das Damwild hat den Höhepunkt seiner Brunft in der zweiten Oktoberhälfte, es geht aber auch bei ihm noch weiter bis in den November.
Muffelwild und Gamswild sind mit der Brunft noch später dran. Es beginnt bei ihm Ende Oktober und dauert bis in den Dezember an. Die Nachhut ist dann das Steinwild mit einer Brunftzeit von Dezember bis Januar.
Alle Tiere sind in ihrer Brunftzeit viel auf den Läufen und im Vergleich zur sonstigen Zeit verhältnismäßig unvorsichtig. Damit sind sie dann auch stärker gefährdet, sowohl durch den Straßenverkehr als auch durch freilaufende Hunde.
Carl
Ergänzung:
> ich dachte auch, daß inzwischen fast keine Jungtiere zur Welt kommen. Doch erschreckender Weise stellte sich das am Wochenende anders heraus. Eine Rotte Wildschweine mit Frischlingen stiefelte gemütlich durch den Wald? Wie ich hörte sind wohl noch weitere "Familien" gesehen worden.
Kalt erwischt. Eigentlich wollte ich mir das mit dem Schwarzwild für die Januar-Ausgabe aufheben, wo das Schwarzwild normalerweise seine Rauschzeit haben sollte und wo es sonst nicht viel Stoff zum Schreiben gibt.
Aber wenn Du Deine zweifellos zutreffende Bemerkung jetzt schon berichtest, dann müssen wir auch jetzt schon darüber diskutieren und ich muß mir für den Januar was anders suchen :-(
Wildschweine erreichen schon im Alter von acht bis zehn Monaten die Geschlechtsreife. Normalerweise nehmen aber erst Überlauferbachen an der Fortpflanzung teil, um im Alter von zwei Jahren erstmalig zu frischen (Junge zu gebären). Bei den zur Zeit sehr guten Lebensbedingungen des Schwarzwildes wird aber auch ein Teil der weiblichen Frischlinge rauschig und frischt schon im Alter von einem Jahr. Die Rauschzeit beginnt im Spätherbst (November) und dauert bis Ende Januar. Bachen, die frühzeitig ihre Jungen verloren haben, werden gelegentlich nochmals im Frühjahr rauschig. Die Trächtigkeit dauert 120 bis 140 Tage (Merke: ca. drei Monate, drei Wochen und drei Tage). Die meisten Frischlinge werden somit im März und April geboren. Erwachsene Bachen werfen sechs bis acht, junge Bachen weniger Frischlinge. Bisweilen sieht man Bachen, die mehr als zehn Junge führen. Das bedeutet, daß sie auch die Frischlinge einer zweiten Bache übernommen haben.
Gerade wegen der zur Zeit sehr guten Lebensbedingungen für das Schwarzwild und der explosionsartigen Vermehrung der Bestände heben sich diese zeitlichen Regeln immer öfter auf, und es kommt praktisch das ganze Jahr über zu Rauschperioden und dem Wurf neuer Frischlinge. Und solche sind Dir halt jetzt begegnet.
Carl
Von: WiegandCJ
Betreff: Wildtier-Kinderstube im November
Datum: Montag, 1. November 1999 17:09
Sikawild, Damwild, Muffelwild
und Gamswild sind immer noch mit der Brunft beschäftigt.
Für alle Jungtiere beginnt spätestens jetzt der Ernst des Lebens. Aller
Nahrungsressourcen beginnen jetzt knapper zu werden, auch wenn im wesentlichen
noch genug da ist. Aber die für die nächsten Monate nötigen Reserven müssen
bis spätestens Ende des Monats November angelegt sein, sei es durch
Vorratshaltung wie etwa bei Eichhörnchen, Iltis,
Eichelhäher und natürlich dem Hamster, sei
es durch Anfressen von Energiereserven in Form von Fett, wie bei allen
größeren Säugetierarten.
Bis auf die Faulpelze: wer schläft, braucht nicht viel. Die Murmeltiere
sind schon zu Bett gegangen, sie halten bis zu 6 Monate echten Winterschlaf. Hamster,
Dachs und Waschbär dagegen halten nur eine
sogenannte Winterruhe. Bei lauen Temperaturen oder Hunger verlassen sie ihre
Baue und gehen auf Nahrungssuche, kehren aber dann kurzfristig in ihr
Winterquartier zurück und schlafen weiter.
Wer jetzt Rot- oder Rehwild beobachtet, wird
übrigens feststellen, daß die Tiere in den letzten sechs Wochen die Frabe
gewechselt haben. Die rote Farbe im späten Frühjahr und Sommer (die von
feuerrot bis zu einem fahleren Gelbton je nach Zustand und Alter variieren kann)
hat jetzt einem ziemlich einheitlichen Eselsgrau Platz gemacht. Dieses Fell ist
zum einen deutlich dichter und wärmer, und zum anderen tarnt die graue Farbe im
Winter besser. Auf den ersten Blick mag das verwundern: wäre nicht grün im
Sommer und weiß im Winter günstiger? Aber Rehe sind
eigentlich Savannenbewohner, und unsere Wiesen und Weiden wären, wenn die
Landwirte sie nicht mähen würden, spätestens im Juli braungelb wie die
Gräser am Straßenrand, und darin oder im reifen Getreide entdeckt man die Rehe
tatsächlich nur kaum. Und weiß im Winter: auch das fällt eher auf als zu
verbergen. Wenn das Wetter trübe wird, sieht ohnehin alles grau aus, und die
dann grauen Rehe fallen im jetzt laublosen Holz kaum auf, und selbst der Schnee
liegt ja fast nirgends lückenlos; gerade diese Schneelücken sehen aber in der
Farbe stets grau aus, wie eben die Rehe und das Rotwild.
Was nicht heißt, daß Weiß als Tarnfarbe nicht vorkommt: das auch Hermelin
genannte und im Sommer rotbraune Große Wiesel wird im Winter
tatsächlich schneeweiß bis auf eine schwarze Schwanzspitze, von der man
vermutet, das sie Raubvögel ablenken soll: der Habicht, der auf den sich im
Schnee bewegenden schwarzen Punkt herabstößt, kommt eben immer ein paar
Zentimeter zu spät. Und weiß wird im Winter auch der Schneehase,
der allerdings nur im Alpenraum vorkommt.
Carl
Von: WiegandCJ
Betreff: Wildtier-Kinderstube im Dezember
Datum: Mittwoch, 1. Dezember 1999 16:30
Für alle bei uns frei lebenden Tiere und damit natürlich auch für die Jungtiere beginnen jetzt die drei härtesten Monate des Jahres. Es wird kalt, und die Nahrung wird knapp.
Nun sind alle Tiere eigentlich ganz gut auf den Winter vorbereitet. Die Winterschläfer haben dabei die wenigsten Probleme. Die anderen sich im Herbst Nahrungsreserven angefressen oder (seltener) Vorräte angelegt. Und die Outdoor-Ausstattung ist regelmäßig ganz hervorragend. Wie gut, kann fast jeder beobachten, aber die wenigsten machen sich Gedanken darüber. So wird jeder schon einmal beobachtet haben, daß Schneeflocken auf dem Hundefell nur schlecht tauen. Bei Rehen oder Hasen ist das noch ausgeprägter. Gerade Hasen, die ja auf dem nackten Feld in ihrer sogenannten Sasse liegen und sich daraus erst zur Flucht veranlasst sehen, wenn die angenommene Gefahr bis auf 1 - 2 Meter herangekommen ist, lassen sich regelmäßig komplett einschneien. Wer mal über ein verschneites Feld gegangen ist und erlebt hat, wie ein verschneiter Erdklumpen einen Meter vor den eigenen Füßen plötzlich explodierte und einen durchstartenden Hasen freigab, wird das wohl nicht mehr vergessen.
Aber, wie gesagt, die meisten erkennen gar nicht, was sich dahinter verbirgt: die Wärmeisolierung des Winterfells ist so gut, daß praktisch überhaupt keine Körperwärme abgegeben wird. Nur deshalb kann ja der Schnee auf dem Fell liegenbleiben, ohne abzutauen. Und auch Enten etwa haben eine derart dichte Brustbefiederung, daß ihnen das Liegen auf dem eiskalten Wasser nichts ausmacht. Nur mit dem Landen auf zugefrorenen Gewässern haben sie ihre Probleme. Wenn ich da diese Rutschbahnen sehe, muß ich immer an Albatros-Airlines denken.
Übrigens nehmen auch die Jäger auf die Mangelmonate Rücksicht. Im Dezember, wenn die Probleme erst beginnen, die Witterung aber meist noch verhältnismäßig mild ist, wird zwar noch gejagt. Aber im Januar beginnt dann die Schonzeit, allein um dem Wild Ruhe zu geben, denn Nachwuchs kommt ja eigentlich erst ab März.
Soweit, so gut. Nur laufen unsere Winter eben nicht mehr so ab, wie das in der bisherigen Evolution eigentlich üblich war. Und wenn man mal von dem Treiben an den menschlichen Vogelhäuschen absieht, wird man feststellen, daß sogar die Tiere, die sich gut auf unsere Kultur einstellen können (Rabenvögel, Füchse, in Maßen auch Rehe), im Winter damit ihre Probleme haben.
Rotwild beispielsweise ist früher in den Mittelgebirgen und vor allem im Alpenraum im Winter immer in die Täler gezogen. Da stehen aber heute Häuser und Skilifte. Alle wildlebenden Tiere fahren im Winter auf Sparflamme, das heißt, sie vermeiden jeden unnötigen Energieverbrauch. Auch hier zeigen Beobachtungen am eigenen Hund viel: wer gesehen hat, wie anstrengend es für einen Hund ist, bei hohen Schneelagen überhaupt zu laufen, der kann nachvollziehen, wie anstrengend das auch für Fuchs, Hase & Co. oder auch für das Reh, das ja noch nicht mal so groß wie ein Hund ist, sein muß. Wenn man weiter berücksichtigt, daß schon eine einzige Flucht bei dem auf Sparflamme eingestellten Energiehaushalt der Wildtiere leicht einen mehrfachen Tagesbedarf an Energie kosten kann, dann sieht man auch, daß man den Wildtieren jede unnütze Flucht ersparen sollte. Den eigenen Hund sollte man also auch dann unter Kontrolle halten, wenn man gleichzeitig ganze Kohorten mit Skiern, Schlitten und sonst was den tollen Schnee genießen sieht, nicht zu vergessen die Langläufer, die am liebsten die gezogenen Loipen meiden und sich ihren "eigenen" unberührten Schnee suchen, wobei sie dann meist mitten in die Einstände des Wildes geraten.
Die Rehe, die sonst ja ziemliche Eizelgänger sind, stehen übrigens im Winter in größeren Gruppen zusammen, die die Jäger Sprünge nennen. Deshalb kann man vom Winter an bis etwa April oft 15 Stück, manchmal sogar bis zu 50, auf einen Schlag beobachten.
Das Rotwild steht dagegen im ganzen Jahr in Rudeln zusammen. Wenn man jetzt ein einzelnes Stück Rotwild sieht, das "nichts" auf dem Kopf hat, dann sieht man mit ziemlicher Sicherheit eine der traurigsten Tiertragödien, die es gibt, nämlich ein mutterloses Kalb. Wenn ein Kalb sein Muttertier verliert, meist durch einen Verkehrsunfall, dann wird es unverzüglich aus dem Rudel vertrieben, nirgendwo mehr angenommen. Es versucht natürlich ständig, seinem Instinkt entsprechend Anschluß zu bekommen, aber es wird überall -wir Menschen würden sagen unbarmherzig- abgeschlagen. Ein solches Kalb wird mit Sicherheit nach einiger Zeit ziemlich qualvoll eingehen. Wer also so ein Tier sieht, der sollte dem örtlichen Jagdpächter auch dann Bescheid sagen, wenn er sonst der Jagd skeptisch gegenüber steht, denn ein solches mutterloses Kalb hat außer Qualen mit Sicherheit keine Zukunftsaussichten mehr.
Und da Wild-Verkehrsunfälle nicht selten durch hetzende Hunde und dadurch bedingte panische Fluchten ausgelöst werden, auch aus diesem Grund noch einmal die Bitte, den/die eigenen Hunde unbedingt unter Kontrolle zu halten. Ich weiß ja, daß jeder NG-Teilnehmer das ohnehin so hält. Ich habe es natürlich nur geschrieben, damit mir nicht wieder irgend ein Stinkstiefler vorwirft, der Beitrag sei OT.
Carl