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Paul Cech

Mit Hunden durch den Yukon

 

Es gibt nur noch wenige Abenteuer auf dieser Welt: Mit dem Hundeschlitten durch den Yukon fahren ist eines davon. Man schläft in Holzhütten oder Zelten. Ringsum nur Wildnis, Stille, Einsamkeit. Und in der Nacht staunt man über die Nordlichter, während die Hundemeute heult - oder man sowieso den einen oder anderen Hund mit ins Bett nimmt....

Die Hunde bellen, heulen, zerren. Sie wissen, gleich geht es wieder los. Binnen weniger Minuten sind sie vor die Schlitten gespannt. Ruhig sitzen die Leithunde; bellend, zerrend die anderen dahinter. Ready! Let’s go! Fuß weg von der Bremse. Festhalten. Ab geht’s! Mit fast 30km/h ziehen uns die Hunde über den zugefrorenen See. Über die harten Schneewächten stampfen die Schlitten wie ein Motorboot über Wellen. Rauf auf’s Ufer. Durch den Wald. Kurven. Schultern einziehen. Kopf runter - ein Baum liegt quer. Voll auf die Bremse. Steil bergab. Kurve. Brücke. Bergauf. Runter von den Kufen. Mitlaufen. Und weiter geht’s.
Ein Traum! Absolute Stille fernab jeglicher Zivilisation. Nur Natur, Hunde und das Kratzen der Metall-Bremse am hartgefrorenen Schnee.

Blue Kennel
 

Dabei hat alles ganz einfach begonnen. Mit einem Traum. Dem Traum, einmal im Yukon mit Hundeschlitten die Wildnis zu durchqueren. Also rein ins Internet. Suchmaschine. Die Auswahl solcher Reisen ist zwar klein aber faszinierend. Und da stand dann auf der Homepage des „Deutschen Schlittenhundeverbandes“ ein ganz netter Satz: „Blue Kennel Tours“: Sebastian Schnülle will sich mit Schlittenhundetouren Geld verdienen, damit er am Yukon Quest teilnehmen kann.

Nun. Sebastian ist ein 29-jähriger deutscher „Aussteiger“, Akademiker, und hatte zu dieser Zeit bereits am Yukon Quest, dem härtesten Schlittenhunde-Rennen der Welt über 1.600km teilgenommen. Er gab (wegen der Gesundheit seiner Hunde) zwar nach einigen hundert Kilometer auf - aber das Abenteuer ist im Kopf.

Also rein in den Flieger der British Airways und nichts wie hin zu Sebastian und seinen 59 Hunden (mittlerweile sind es ca. 70 oder gar schon mehr). Hin nach Whitehorse/Yukon und weiter zu seinem „Blue Kennel“, ca. 50km nordöstlich von dieser kleinen Hauptstadt des Yukon.

 

Sebsatian + Hunde Wie in einem kitschigen Western-Film steigt zwischen den 4 kleinen Blockhäusern die Rauchsäule eines abgebrannten Lagerfeuers auf. Die schlanken Schwarz-Tannen ragen wie Nadeln in den Himmel. Berge im Hintergrund, Hunde, Hunde, Hunde..... und verschmitzt lächelnd Sebastian mit seiner unverkennbaren Struwelpeter-ähnlichen Frisur.

Zur Begrüssung heulen alle 59 Hunde auf einmal. Eine unvorstellbare Klangwolke! Schöner kann eine Begrüssung für einen Hundefreund nicht ausfallen.

 

Nichts wie hin zu Blue, Grey, Libby, Woolf, Chevy und wie sie alle heissen. Jeder Hund springt rauf, schleckt den Neuankömmling ab. Spielt. Wedelt. Freut sich. Hunde-Babies knabbern an den Fingern. Wichtig ist nur, daß man gleich von Beginn an das richtige Gewand anhat (am besten in Whitehorse bei „Workers World“ zu kaufen) und man mit Hunden einfach „kann“.

Stille. Ein Bierchen. Vögel kzwitschern, ein Adler kreist. Man spricht in gesenktem Ton, damit man ja nichts und niemanden stört. Bis zum Abend vergeht die Zeit mit den Hunden, dem Reparieren der Schlitten und dem Erzählen von Geschichten und Geschichterln.

 

Wie aus heiterem Himmel sagt Sebastian am frühen Abend: „Hast Du Handschuhe dabei? Komm. Machen wir eine Trainingsfahrt.“

Es ist schon fast dunkel, als wir die Hunde eingespannten. Aber in der eiskalten Nacht erleuchtete der Vollmond das Land fast taghell.

Paul on tour
 

Kurze Erklärungen: Mit beiden Füßen auf die Bremse (so eine Art riesige Eisenkralle). Dann den Leithund ansprechen. Ihn vorbereiten. Startkommando. Zum Stehenbleiben: Ein ruhiges, langgezogenes „Whowhow“. Und wichtigster Punkt: Auch bei Sturz niemals, absolut niemals den Schlitten auslassen.

 

let's go!!! Also gut: „Blue!“ (Leithund „Blue“ richtet die Ohren auf). „Ready?“ (er ist bereit, steht in Startposition“) „Let’s gooo!!!!!!“ Von 0 auf 30km/h beschleunigen diese „verdammten Viecher“ in zwei Sekunden - wenn nicht weniger. Eis. Bremse. Kurve. Endlich eine lange Gerade. Warum schüttelt und beutelt dieser Sau-Schlitten so? Nach wenigen Minuten schmerzen die Finger. Alles ist verkrampft. Aber die Hunde rennen und rennen und rennen. Sebastian steht verkehrt und locker auf den Kufen seines Schlittens und lacht hämisch, weil ich da hinten kämpfe. Ja. Es ist ein Kampf. Nach einer halben Stunde spürt man - als Anfänger - jeden Muskel in den Armen und im Schulterbereich. Da begreift man erst, wieviele Muskeln so ein Menschenkörper hat. Aber die Hunde laufen locker und flockig - so als würden sie mit Oma im Park spazieren gehen. Keine Spur von Anstrengung.
 

Ein kleine Kurve. Beinharter Schnee. Wir fahren auf einem Teil des „Yukon Quest“-Rennens. Der Schlitten kippt. Wie ein Blitz schießt ein. „Nie, niemals den Schlitten auslassen!!!“ Wie ein „Blinker“ an einer Angel dreht es mich hinter dem Schlitten - und die Hunde rennen und rennen. Aber da war doch noch was? „Whowhow“....!Whowhow“.....und schon blieb diese Bande stehen. Kurz. Denn sie warten nur darauf, daß der Schlitten aufgestellt wird - Sprung auf die Kufen - ab die Post - volles Rohr weiter.

Das ist dann so ungefähr die Zeit, wo man überlegt, ob es auch richtig war, sich auf solch ein Abenteuer einzulassen.

 

Das Nordlicht in der Nacht war dann wieder Entschädigung genug. Einfach faszinierend, diese gelbgrünen Lichtwolken. Dazu Vollmond, Kerzen in der Hütte (Strom gibt es nicht). Und als Zugabe immer wieder das Heulen der Hunde. Da bekommt man, ob man will oder nicht, eine Ganslhaut - weil’s sooo schön ist.
Cabin + Nordlicht Kein Strom bedeutet auch: Kein Fernsehen. Und das heißt: Bei Gaslicht oder Kerzenschein zusammensitzen. Reden. Hunde streicheln. Stille. Kurz: Der exakte Gegensatz zum Leben in der Stadt.
 

Sebastian erzählt dann z.B. über seinen ersten Hund. Es war „Blue“, nach dem sein Camp benannt wurde - „Blue Kennel“. Sebastian kam von Deutschland nach Kanada, fuhr mit einem Kanu 1800 km am McKenzie-River - und hatte ganz oben bei Yellowknife in den North West Terriories zwei Wochen Zeit. Er fragte nach einem Schlittenhund - und bekam zur Antwort, daß ein sensationeller Hund vor zwei Monaten ausgerissen sei. Wenn er ihn finde, gehörte er ihm. Also setzte sich der deutsche Neuankömmling hinters Steuer seines Trucks, suchte und suchte - bis er ihn fand. Es dauerte Tage, viele Tage, bis der scheue Alaskan Husky in seine Nähe kam. Dann war es soweit: Hund und Mensch schlossen Freundschaft. Eine Story wie aus einem Groschen-Roman diesmal aber echt und beweisbar.

„Blue“ wurde übrigens deswegen auf diesen Namen getauft, weil sich Sebastian die Wartezeit mit einem Bier namens „Blue“ die Zeit verkürzt hatte. Es waren sicher mehrere Biere.....


Aber zurück zum Urlaub. Zurück zu den Ausflügen, die uns täglich zwischen 40 und 80km durch den Yukon führten.
Wir hatten Glück mit dem Wetter: Nur so um die 20 Grad minus in der Nacht. Unter tags dann rund um Null. fast schon zu warm für die rennerprobten Hunde, die nichts mit Hunden zu tun haben, wie wir sie in Europa zu Hause haben. Und sie haben auch gar nichts mit sogenannten europäischen Schlittenhunden wie Sibirian Huskies, Malammuts, Samojeden oder Grönländern zu tun. Die Alaskan Huskies, die dort oben gefahren werden, sind Hunde, die einst von Eskimos oder Indianern ausschließlich auf Kraft und Zugleistung „getrimmt“ wurden. Eher kleine und zarte Hunde, die in weiterer Folge auf Schnelligkeit gezüchtet wurden. Ein Rennhund hat so zwischen 20 und 25 Kilo und kaum mehr als 45cm Schulterhöhe. Aber die Kraft, die Power, die dahintersteckt - ein Wahnsinn!

Nur als Beispiel: Sebastian riet uns gleich am ersten Tag, die Hunde fest am Halsband zu halten und sie nur auf den Hinterbeinen zu den Schlitten zu bringen. Nach dem dritten Hund, taten mir die Tiere leid und ich ließ den vierten mit allen vier Pfoten auf den Boden. Der Rest ist kurz erzählt: 100kg Mensch lagen am Boden, eine Hand verzweifelt am Halsband und davor ein Hund, der mit allen Mitteln versuchte, zu ziehen.

„Desire to go“ nennen es die Musher (Schlittenhunde-Fahrer). Das „Verlangen zu rennen“. Und es ist nicht nur ein „Verlangen“, es ist ein Drang. Es ist Freude.

 

Tage später: Ganz locker und freudig stehen wir auf den Kufen der Schlitten. Wir fahren über einen zugefrorenen, zugeschneiten See. 160km ist der Kusawa-Lake lang. In fünfeinhalb Stunden schaffen wir 80km. Kleine Pausen inklusive. Doch auch nach einem kurzen Stop nach 78km und einem neuerlichen Kommando „Ready? Let’s go!!!!“ fetzen die sechs Alaskan Huskies weg, als hätten sie gerade eine Woche Ruhepause gehabt.

Und am Ende des Long-Trails schauen die Hunde dann die „hechelnden“ Musher an - unter der Devise: „Na was ist? Geht nichts mehr. Seid ihr komischen Menschen schon schlapp?“

 

See + Weite
„Schlapp“, das wird manchmal auch Sebastian, dem „Herren der Hunde“ vorgeworfen. Er prügelt sie nicht - er schmust mit ihnen. Er brüllt sie nicht an, sondern sie dürfen bei ihm im Bett, seinem Matratzenlager, schlafen. Bis zu 40-45 Stück. Er sagt. „Warum sollen die Hunde bei minus 40 Grad für mich 1000km rennen? Weil sie geprügelt werden? Sicher nicht!“

Klar doch, daß wir uns auch Hunde ins Zelt holten, als wir dort am 37-Mile-Lake übernachteten. In dem grossen Zelt gab es zwar einen Holzofen, aber die Wärme der Hunde ist bei minus 18 Grad trotzdem unvergleichbar. Dicker Schlafsack und ein Hund zum Kuscheln. Die Gedanken beim Büro in der Stadt. Und die einhellige Meinung über die „Zivilisation“: ....aber die drucken wir hier lieber aus Jugendschutz-Gründen nicht ab.

Das „Aussteigen“ auf Zeit, das Erforschen der Einsamkeit, der Wildnis ist jedenfalls ein gefährliches Spiel. Denn langsam überlegt man, ob man die Zeit nicht wiederholen... verlängern.... ganz lang verlängern kann...... Aber die British Airways will ja nicht nur One-Way-Tickets verkaufen... Oder?


Die Touren

Schlittenhunde-Touren bei Sebastian Schnülle / „Blue Kennels & Dog Sled Trips“ sind in Österreich ab ca. ÖS 28.000.-- (all inclusive) bei ÖAMTC-Reisen zu buchen. Die Touren findet man auch im Internet unter: http://www.bluekennels.de.

Nähere Infos auch demnächst in der "Oberösterreichischen Nachrichten"/Reiseteil.
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